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Ein Parforceritt durch menschliche Gefühlswelten


„Königin Lear" von Tom Lanoye im Kellertheater Chateau Pech


Von Ilse Fuß
In einer Zeit, in der es im Theater meist um Probleme, deren Bewusstmachung, Lösung oder Unlösbarkeit geht, setzt dieses Stück auf die Darstellung menschlicher Emotionen.
2015 in Amsterdam uraufgeführt, erlebte das auf Shakespeares „König Lear" basierende Drama im Herbst 2016 eine viel beachtete deutsche Erstaufführung in Frankfurt. Jetzt ist es im Kellertheater Chateau Pech zum zweiten Mal auf einer deutschen Bühne zu sehen.
Tom Lanoye konzentriert sich auf den Lear betreffenden Handlungsstrang und transponiert ihn in unsere Zeit:
Elisabeth Lear ist Herrscherin über ein global operierendes Finanzimperium. Sie hat nicht 3 Töchter sondern 3 Söhne. Sie übergibt die Macht an ihre Kinder und sich damit in Abhängigkeit von ihnen, was ihren Niedergang besiegelt.
Lanoye entwickelt sein modernes Drama mittels der Motive, die Shakespeare vorgibt. Rainer Kesten übersetzte aus dem Flämischen unter weitgehender Beibehaltung des Blankverses in eine recht schlichte deutsche Umgangssprache. So wirkt dieses Drama weniger über die Sprache, als über die äußerst dramatische Handlung.
Gundula Schroeder hat das Stück inszeniert und bereitet uns in der Rolle der Lear mit ihrem Ensemble einen verstörenden Theaterabend.
Die Handlung wird vorangetrieben durch die jede menschliche Regung erstickende Machtgier der beiden älteren Söhne. Für sie - im Überfluss aufgewachsen - ist Machterhalt existenziell und alternativlos. Dafür gehen sie über Leichen.
Gregory ist der cholerische Ignorant, der seine totale Inkompetenz und Unsicherheit mit exzessiven Wutausbrüchen bemäntelt - bis er zu weit geht -, um sich dann bei seiner starken Frau Connie die Absolution zu holen - eine Charakterstudie, die Friedrich Öttler bravourös meistert.
Diese Connie dagegen hat Haare auf den Zähnen - zwar ist sie durch den uralten Konflikt Schwiegermutter/ Schwiegertochter beschädigt - aber sie hat wirksame Waffen, die sie auch einsetzt. Ursula Rocke ist hier eine Idealbesetzung! Sie kann die berechnende Klugheit und Kälte glaubhaft machen, ebenso wie die echten und falschen Gefühle gegenüber Schwägerin Alma und die Einsamkeit in der Ehe mit einem solchen Mann.
Alma, Frau des Bruders Hendrik, ist eine Außenseiterin. Ihre Herkunft aus der Unterschicht und ihre Unfruchtbarkeit bestimmen ihren Platz in dieser Familie. Aber eben deshalb sieht sie als einzige das Geschehen mit unseren - des Zuschauers - Augen und geht schließlich zurück dahin, wo es bei allem Elend noch Menschlichkeit gibt. Miriam Hardt gelingt diese Entwicklung von der angepassten Ehefrau über die ungläubig staunende Beobachterin bis zu der voll Entsetzen Fliehenden überzeugend.
Gerrit Brauser-Jung spielt Hendrik, vernünftig und kompetent, - bis auf schreckliche Weise klar wird, dass es auch für ihn nur einen Wert gibt, den Machterhalt um jeden Preis. Dem Zuschauer stockt in dieser Szene der Atem.
Nur Cornald, der jüngste Bruder ist anders: Er verlässt den Elfenbeinturm der Selbstbezüglichkeit - er will etwas bewirken für seine Mitmenschen. Als einziger versucht er, dem zerstörerischen System etwas entgegenzusetzen und seiner Mutter in ihrer Hilflosigkeit liebevoll beizustehen. Johnny H. Younes zeigt uns einen empfindsamen Sinnsucher, der in dieser Familie unverstanden scheitern muss.
So beginnt Lears tragischer Niedergang aus der Höhe der Macht in den Wahn. Und das ist das eigentliche Thema des Stückes - wie bei Shakespeare.
Gundula Schroeder ist Lear. Sie zeigt uns den stufenweisen Zerfall dieser starken Persönlichkeit wie mit dem Seziermesser in schmerzhafter Deutlichkeit. Auf Demütigungen und Enttäuschungen reagiert sie anfangs noch mit rasender Wut und drastisch überzogenen Strafmaßnahmen - bis der Verstand in den Wahn flüchtet, und die Persönlichkeit zunehmend zerfällt. Schon im ersten Bild erkennen wir Lears Schwachpunkt: Das Erkaufen der Liebeserklärung von den Söhnen zeigt die Leerstelle in ihrem Leben: War da je Liebe?
Da ist Kent, von der Familie nie akzeptiert, eine Randfigur, aber der eigentliche Macher hinter den Kulissen der Firma - und der Vater von Cornald. Doch Lear behandelt ihn mit aggressiver Verachtung. Warum, das zu deuten, überlässt der Autor dem Zuschauer.
Kent ist ein Mann, der seine dienende Rolle in der Familie annimmt in unverbrüchlicher Loyalität zu Lear und Liebe zu seinem Sohn, der ihn nicht als Vater kennt. Peter Meurer verleiht dieser Figur eine tragische Größe.
Der Pfleger Oleg ist das einzige Personal, das Lear geblieben ist. Er macht einen Job gegen Bezahlung - aber er gibt der Verwirrten menschliche Zuwendung und Füsorge. Adham Jouban ist dieser Mann. Aus einem anderen Kulturkreis kommend beobachtet er verwundert aber mit nachsichtigem Gleichmut, was diese Familien im Westen der Welt einander Unmenschliches antun. Eine sehr überzeugende und humorvolle Darstellung.
Zu einer komischen Nummer ganz in der Tradition Shakespeares gerät dank Clint Christian Staak die kleine Szene, in der Lear im Unwetter auf den seinen Drogenrausch ausschlafenden Junkie trifft. Clint Christian Staak macht daraus ein darstellerisches Highlight!
Im Mittelpunkt jedoch steht Gundula Schroeder als Lear - und sie ist großartig!
Hier entsteht aus schauspielerischer Könnerschaft, aus Lebenserfahrung und menschlicher Reife eine erschütternde Darstellung vom Zerfall einer starken Persönlichkeit. Wenn schließlich nach schrecklichem Showdown Lear ihren Epilog hält, muss der Zuschauer um Fassung ringen.
Man darf dieser Inszenierung ein großes Publikum wünschen - und der Gemeinde Wachtberg zu diesem hochkarätigen Kulturangebot gratulieren.

Wir Wachtberger, 23. Dezember 2017

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