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Die Welt gehört den Starken


„Einer flog über das Kuckucksnest" im Kellertheater Chateau Pech


Wachtberg-Pech. Gundula Schroeder inszeniert das Theaterstück von Dale Wasserman nach dem Roman von Ken Kesey als Szenario von beklemmender Aktualität.
Kesey prangerte die verheerenden Zustände in den Psychiatrischen Einrichtungen seiner Zeit, also vor ca. 60 Jahren, an. Vielen wird der Film mit Jack Nicholson noch in Erinnerung sein. Heute darf man das Stück als Metapher für Systeme sehen, die Menschen unterdrücken und manipulieren.
Schon beim Betreten des Theaters wird der Besucher mit der Thematik konfrontiert: Ein grobmaschiges Stahlgitter trennt die Bühne hermetisch vom Zuschauerraum. In dem fast leeren Bühnenraum gibt es dann allerdings ein „lebendes Bild" von suggestiver Kraft, es ist Ruckly, einer der Insassen dieser „Einrichtung". Er steht - ein sabberndes Bündel Mensch - das ganze Stück über fast sprachlos in der Haltung des Gekreuzigten an der Wand - nach einer Lobotomie, einer Gehirnoperation zum Zwecke der "Disziplinierung", eine Hülle, ohne Willen und Emotionen äußern zu können. Da erkennt der Zuschauer, dass an diesem Ort Menschen nicht geheilt sondern zerstört werden. Eine ganz starke mimische und körpersprachliche Performance von Franz Goldmann!
Das System, in dessen Gewalt diese Patienten sich befinden, verkörpert Schwester Ratched. Sie funktioniert mit kalter menschenverachtender Präzision. Jedes Aufbegehren hat eine Strafmaßnahme zur Folge von der Zwangsjacke über Elektroschocks bis zur Lobotomie. Ursula Rocke in dieser Rolle ist keine Erfüllungsgehilfin des Systems - sie ist die personifizierte Maschinerie der Macht - und sie genießt es. Eine Frau, die einen schaudern macht. Konterkariert wird dieses Bild durch das lange blonde Haar, das ihr weich über den Rücken des Schwesternkittels fließt - Macht hat oft eine schöne Außenseite!
Umso eindrucksvoller wenn sie auf einen ebenbürtigen Gegner trifft, Mc Murphy, der Neuzugang, der all das verkörpert, was die Insassen nicht mehr sind: Er ist selbstbewusst, freiheitsliebend, stark - aber auch voll Empathie für jeden seiner Mitpatienten - kurz ein normaler Mensch.
Was nun folgt ist Tragödie, der Kampf eines Menschen für seine Mitmenschen gegen das System - ein Kampf, den er verlieren muss. Clint Christian Staak als Mc Murphy zeigt dieses Scheitern: sein Mitfühlen, seine Empörung, seine Wut, seine Tatkraft, seinen Optimismus und dann das Aufdämmern der Erkenntnis, dass er nicht gewinnen kann - bis zum jähen Absturz ins Nichts, eine eindrucksvolle, eine berührende Leistung.
Gleichsam zwischen zwei Stühlen sitzt Schwester Flinn. Sie ist dem System verpflichtet und abhängig von ihm und nicht stark genug, die Empathie, die sie für ihre Patienten empfindet, wirklich zuzulassen. Diesen Spagat macht Gundula Schroeder durch ihr fein differenziertes Spiel deutlich.
Auch Dr. Spivey gehört zu den Machthabern. Aber er versucht den Spielraum, den ihm seine Position gibt, für die Patienten zu nutzen - jedoch nur soweit seine eigene Sicherheit nicht in Gefahr gerät. Eduard Havemann zeigt eine hübsche Studie dieses Menschentyps.
Andere Insassen haben sich - jeder auf seine Weise - arrangiert. Friedrich Oettler als Cheswick trennt sich nie von seiner Bombe, einer Attrappe. Sie enthält seinen Frust und seine Wut - aber sie wird nie explodieren. Bernd Oleiko als Martini, der einzige wirkliche Irre, lebt in einer schlichten, fröhlichen Welt. Dale Harding versucht es mit selbstbetrügerischer Logik, scheitert aber an der eigenen Intelligenz und setzt seine analytischen Fähigkeiten für seine Leidensgenossen ein - eine überzeugende Charakterstudie von Peter Meurer.
Nur der junge Billy hat noch Sehnsüchte und außerdem ein Mutterproblem - und das wird sein Verderben werden. Ihm wollen sie alle zu einem Rendezvous verhelfen. Für eine kurze Stunde bringt die junge Prostituierte Candy Lebensfreude und Hoffnung in das Szenario. Kathrin Guertler als Candy hat nichts Verruchtes. Sie ist eine verführerische junge Frau mit naiver Natürlichkeit. Gerrit Brauser Jung als Billy gelingt es, Unsicherheit, Glück und Verzweiflung dieses jungen Menschen durch eine ausdrucksstarke Mimik und Gestik so darzustellen, dass dem Zuschauer der Atem stockt.
Und dann ist da das Halbblut Bromden, der - scheinbar taubstumm - in eine innere Welt abgetaucht ist. Wie Johnny H. Younes in dieser Rolle an den Zaun geschmiegt, den Blick auf die spärlichen Sonnenstrahlen gerichtet mit seinem imaginierten Vater kommuniziert, gehört zu den bewegendsten Momenten dieser Aufführung. Wie er dann durch Mc Murphy aus seiner selbst gewählten Isolation heraus und zu einer autonomen Persönlichkeit findet, seinem Freund den letzten Dienst erweist und die Konfrontation mit der Welt draußen wagt, das ist ergreifend. Zugleich aber ist es der tröstliche Schluss dieses beklemmenden Stückes.
Da weiß der Zuschauer, dass er hier die Prototypen eines jeden totalitären Systems in Aktion gesehen hat: Täter und Opfer.
Gundula Schroeder hat das Stück ganz nah am Puls unserer global vernetzten Welt inszeniert, einer Welt, die uns fast täglich ähnliche Szenarien über die Medien in die Häuser spült. Großer Beifall für viele sehr gute Einzelleistungen - ein perfektes Ensemblespiel - und eine hervorragende Inszenierung von Gundula Schroeder! (Ilse Fuß)
Weitere Vorstellungen - jeweils 19.00 Uhr:
26. / 28. Februar
1. / 3. / 8. / 10. / 11. / 14. / 17. / 18. / 22. / 24. März.
Aufgrund der geringen Platzzahl wird um Reservierung unter Telefon 0228/325951 gebeten. Karten: 16 Euro, ermäßigt 9 Euro. Internet: www.chateau-pech.de.

Wir Wachtberger, 25. Februar 2017

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